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Ethik in Star Trek – Vom Wohl vieler bis zum moralischen Nihilismus
Von Reinhard Prahl
Nachdem wir uns am 8. September einige philosophische Gedanken zum Thema Universalismus in Star Trek gemacht haben, vertiefen wir das Thema nun und stellen die Ethik in Star Trek in den Fokus. Wie gehen die Serien mit Moral und Amoral um? Welche moralischen Grenzen zieht Star Trek und warum? Wenn Data eine Lebensform ist, was ist dann der Doktor? Solchen und weiteren Fragen widmen wir uns im folgenden Essay.
Die Utopie dort, wo es wehtut
Wie wir in unserem letzten philosophischen Ausflug, „Gedanken zum 60. Geburtstag von Star Trek – wie universalistisch ist Star Trek?“ bereits feststellten, ist die Föderation reichlich selbstbewusst. Freiheit, Gleichheit, Würde, Respekt und das Recht auf Existenz gehören zu den Grundwerten einer Zukunft, in der sich die Menschheit zumindest in wesentlichen Punkten weiterentwickelt hat. Star Trek formuliert diesen Anspruch seit 1966 immer wieder, doch spannend wird die Utopie nicht dort, wo alles funktioniert. Interessant wird sie vielmehr dann, wenn ihre Bewohner über den Wert dieser Grundsätze entscheiden müssen, sobald ihre Einhaltung unangenehm, gefährlich oder sogar lebensbedrohlich wird.
Genau an diesem Punkt beginnt Ethik, wobei Moral zunächst die Werte, Regeln und Vorstellungen darüber meint, was wir für richtig oder falsch halten. Die Ethik setzt als übergeordneter Terminus eine Ebene darüber an. Sie fragt, warum wir etwas für richtig halten, welche Maßstäbe wir dabei anlegen und ob diese Maßstäbe auch dann noch tragen, wenn mehrere moralische Pflichten miteinander kollidieren. Vereinfacht könnte man daher sagen: Ethik ist das wissenschaftliche Nachdenken über Moral. Nachdem wir das geklärt haben, können wir getrost feststellen, dass sich Star Trek erstaunlich gut für ethische Gedankenspiele eignet, weil seine Figuren keineswegs nur zwischen Gut und Böse wählen. Sehr viel häufiger müssen sie zwischen zwei Gütern, zwei Übeln oder mehreren gleichermaßen unbefriedigenden Möglichkeiten entscheiden.
Ein geradezu ideales Versuchslabor dafür ist Star Trek: Deep Space Nine. In „Im fahlen Mondlicht“ will Benjamin Sisko die Romulaner auf die Seite der Föderation ziehen, weil der Krieg gegen das Dominion andernfalls verloren gehen könnte. Er lässt sich auf Garaks Plan ein, akzeptiert eine Fälschung, nimmt weitere Rechtsbrüche hin und muss am Ende mit zwei Toten leben. Natürlich kann man Sisko vorwerfen, seine eigenen Regeln verraten zu haben. Man kann aber ebenso fragen, wie viele Tote eine moralisch saubere Niederlage gekostet hätte. Und schon stehen wir inmitten eines Problems, das sich durch nahezu alle Star-Trek-Serien zieht: Darf ein gutes Ziel schlechte Mittel legitimieren?

Was darf ein gutes Ziel kosten?
Siskos Entscheidung folgt im Kern einer konsequentialistischen Logik. Nicht die Handlung allein steht im Mittelpunkt, sondern ihr erwartbares Ergebnis. Im Utilitarismus wird daraus die Frage, welche Entscheidung für möglichst viele Betroffene den größtmöglichen Nutzen verspricht. Das klingt zunächst vernünftig, denn Entscheidungen lassen sich nicht immer treffen, ohne unterschiedliche Interessen gegeneinander abzuwägen. In Star Trek hat diese Haltung sogar einen bei Fans allseits bekannten Satz hervorgebracht, den die Vulkanier als moralische Leitlinie verwenden: Das Wohl vieler wiegt schwerer als das Wohl weniger oder eines Einzelnen.
Dieser Satz bekommt allerdings spätestens dann ein anderes Gewicht, wenn das abstrakte „wenige“ plötzlich konkret wird. Sisko nimmt nicht nur den Tod eines Kriminellen und eines romulanischen Senators in Kauf. Seine Täuschung zieht ein ganzes Volk in einen Krieg, den es bis dahin vermeiden wollte. Das kann den Alpha-Quadranten retten, aber es nimmt den Romulanern zugleich die Möglichkeit, selbst über diesen Preis zu entscheiden. Die Rechnung geht nur auf, wenn Sisko tatsächlich beurteilen darf, was für Milliarden andere das kleinere Übel ist. Genau hier begegnen wir aber der gefährlichen Seite jeder reinen Folgenethik: Zwar muss irgendjemand festlegen, welcher Nutzen groß genug ist und welche Opfer dafür akzeptabel erscheinen, doch wer darf sich diese Entscheidungen anmaßen?
Ein wesentlich früheres Beispiel für den dargelegten Denkansatz liefert die TOS-Folge „Kodos, der Henker“. Während einer Hungersnot auf Tarsus IV lässt Gouverneur Kodos 4000 Menschen töten, um die übrigen 4000 zu retten. Die Entscheidung mag monströs und sogar abstoßend erscheinen, ist aber gerade deshalb ethisch interessant. Wenn tatsächlich nur Nahrung für die Hälfte der Bevölkerung vorhanden wäre und keine Hilfe käme, würde Untätigkeit womöglich ebenfalls Tausende Tote verursachen. Kodos macht jedoch aus einer Prognose ein Todesurteil. Er allein entscheidet, wer leben darf, obwohl er weder die weitere Entwicklung noch das Eintreffen von Hilfe vorhersehen kann. Die Katastrophe zeigt damit weniger, dass utilitaristisches Denken grundsätzlich verwerflich wäre, als vielmehr, wie rasch eine Kosten-Nutzen-Rechnung zur Selbstermächtigung werden kann.
Auch Kathryn Janeway gerät in Star Trek: Voyager immer wieder in ähnliche Situationen. Greg Littmann bezeichnet sie nicht ohne Grund als eine der konsequentesten utilitaristisch handelnden Hauptfiguren des Franchise. In „Skorpion“ verbündet sie sich mit den Borg gegen Spezies 8472, obwohl die Borg den Konflikt ausgelöst haben. In „Die Beute“ wird die Frage noch persönlicher, als das Schicksal eines einzelnen Angehörigen dieser Spezies gegen die Sicherheit der Voyager-Besatzung abgewogen wird. Solche Geschichten machen das berühmte vulkanische Prinzip unbequem. Solange Spock sich selbst opfert, wirkt es nobel. Sobald andere zum notwendigen Opfer erklärt werden, wird aus einem Grundsatz möglicherweise sogar Barbarei.

Grenzen, die nicht verhandelbar sein sollen
An dieser Stelle geraten wir an ein vollkommen anders geartetes Denkmodell namens Deontologie beziehungsweise Pflichtethik. Als wichtigster Vertreter gilt, wie im vorherigen Artikel erwähnt, Immanuel Kant. Den deutschen Philosophen interessierte weniger, ob eine Handlung im Einzelfall nützlich erscheint. Entscheidend war für ihn stattdessen, ob die Maxime (das Prinzip, der Grundsatz) hinter dieser Handlung als allgemeines moralisches Gesetz gelten könnte. Eine Lüge wird nicht dadurch gut, weil man mit ihr Gutes tun will, und ein Mensch darf nicht bloß als Mittel für einen anderen Zweck benutzt werden. Überträgt man diesen Gedanken auf Sisko, wird seine Lage unangenehm eindeutig. Er behandelt Senator Vreenak und letztlich auch die Romulaner als Werkzeuge für ein übergeordnetes Ziel. Dass dieses Ziel nachvollziehbar und möglicherweise sogar lebensrettend ist, ändert aus deontologischer Sicht nichts am moralischen Problem.
Noch klarer verkörpert Sektion 31 in Deep Space Nine den Gegenentwurf zu einer solchen Pflichtethik. Schon in „Inquisition“ behauptet Sloan, genau jene Gesellschaft schützen zu wollen, deren rechtsstaatliche Grundlagen er gleichzeitig außer Kraft setzt. Er täuscht, entführt, manipuliert und entscheidet selbst, welche Grenzen im Namen der Sicherheit überschritten werden dürfen. Bashir widerspricht ihm deshalb nicht nur aus persönlicher Abneigung. Seine Position lautet im Kern, dass Freiheit, körperliche Unversehrtheit und individuelle Rechte ihren Wert gerade dann beweisen müssen, wenn ihre Einhaltung hinderlich wird. Wer diese Rechte ausschließlich im Frieden respektiert, hat aus ihnen nämlich letztlich keine Grundsätze, sondern Komfortregeln gemacht, die man im Extremfall (siehe Kodos) nach Gutdünken auslegen kann.
Die DS9-Folge „Unter den Waffen schweigen die Gesetze“ verschärft den Konflikt auf wunderbar griffige Weise. Sloan und Admiral Ross sind bereit, eine verbündete Romulanerin zu opfern, weil die politische Lage ihnen durch den Mord einen Vorteil verspricht. Der Krieg verschiebt damit nicht die moralischen Regeln der Pflichtethik an sich, wohl aber die Bereitschaft, sie auszuhebeln. Das ist einer der Gründe, weshalb Bashir für die ethische Architektur von Deep Space Nine so wichtig ist. Er wirkt zeitweise naiv, weil er an Grenzen festhält, die andere längst für unpraktisch halten. Doch ohne Figuren wie ihn wäre von der behaupteten moralischen Überlegenheit der Föderation wenig mehr übrig als ein hübsches Selbstbild.
Eine ähnliche Konstellation begegnet uns übrigens in der Star Trek: Voyager-Folge „Ein Jahr Hölle“. Annorax will seine verlorene Familie zurückgewinnen und verändert dafür immer wieder die Zeitlinie. Millionen Existenzen werden zu Variablen in einer Rechnung, deren einziges wirklich unverrückbares Ziel er selbst ist. Tom Paris erkennt vergleichsweise früh, dass sich das ursprüngliche Unrecht nicht durch immer neue Opfer rückgängig machen lässt. Die moralische Position des Föderationsoffiziers klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr ausgefeilt. Doch darin liegt ihre Stärke, denn es muss einen Punkt geben, an dem ein Ziel jedweder Art nicht mehr genügt, um jedes Mittel zu entschuldigen.

Der Mensch ist kein moralischer Computer
Weder Folgen- noch Pflichtethik lösen allerdings jedes Dilemma. Menschen wenden philosophische Modelle schließlich nicht wie eine Rechenformel an. Sie handeln aus Erfahrung, Mitgefühl, Angst, Stolz, Loyalität, Vorurteilen und manchmal aus blanker Verzweiflung. Die Tugendethik richtet den Blick deshalb stärker auf den Charakter des Handelnden. Welche Eigenschaften machen einen guten Menschen aus? Wie entstehen Urteilskraft, Mut, Maß oder Gerechtigkeit? Und was geschieht, wenn jemand von der eigenen moralischen Haltung so überzeugt ist, dass er gar nicht mehr bemerkt, wie sehr er andere bevormundet?
Janeways Umgang mit Seven of Nine ist dafür ein hervorragendes Beispiel. In „Die Gabe“ erklärt die Kapitänin der ehemaligen Borg-Drohne, dass sie ihre Individualität zurückgewinnen müsse. Das klingt zunächst wie eine Befreiungsgeschichte. Seven weist jedoch in einem spannenden Dialog auf den entscheidenden Widerspruch hin. Wenn Individualität bedeutet, selbst entscheiden zu dürfen, müsste sie theoretisch auch das Recht besitzen, freiwillig zum Kollektiv zurückzukehren. Genau dieses Recht will Janeway ihr jedoch nicht zugestehen. Sie zwingt Seven also zur Freiheit, weil sie überzeugt ist, besser zu wissen, was Freiheit für Seven bedeuten muss.
Damit berührt die Serie die Idee eines „Moral Sense“, wie sie unter anderem Francis Hutcheson formulierte: Menschen besitzen quasi „von Natur aus“ ein moralisches Empfinden, das sie zu bestimmten Urteilen führt. Ein solcher innerer Kompass ist für ein gemeinschaftliches Zusammenleben natürlich essenziell, wie man leicht schlussfolgert. Doch ist es deswegen automatisch auch objektiv? Janeway handelt aus ihrer Sicht verantwortungsvoll und mitfühlend, bleibt dabei jedoch zutiefst anthropozentrisch verankert. Sie hält menschliche Individualität für das höchste Gut und damit Sevens bisherige Existenzform für unterlegen. Die Episode ist allerdings gerade deshalb so stark, weil sie Janeway weder zur Unterdrückerin noch Seven zur bloßen Hilfsbedürftigen reduziert. Beide Positionen enthalten etwas Wahres, und beide erzeugen gleichzeitig neue Probleme. Das ist durchaus paradox, finden Sie nicht?

Wenn der eigene Maßstab zum Maß aller Dinge wird
Wenden wir uns an dieser Stelle einer Idee zu, die eigentlich dazu dient, die Anmaßung des Besserwissens generell zu unterbinden. Die Oberste Direktive ist dafür ein wichtiges Instrument. Sie soll verhindern, dass eine technologisch überlegene Kultur ihre Macht benutzt, um die Entwicklung anderer Gesellschaften oder Spezies nach den eigenen Vorstellungen zu formen oder auch nur in ihrer Entwicklung zu stören. Im Idealfall ist sie also nicht Ausdruck moralischer Gleichgültigkeit, sondern freiwillige Selbstbegrenzung.
Gerade deshalb sind die zahlreichen, sich durch alle Serien ziehenden Verstöße so aufschlussreich. Kirk, Picard und Janeway brechen oder dehnen die Direktive immer wieder, wenn das Befolgen der Regel selbst unmoralisch zu werden scheint. „Die Omega-Direktive“ treibt dieses Problem besonders weit. Ein Omega-Molekül kann den Subraum in riesigen Gebieten dauerhaft schädigen und damit interstellare Zivilisationen ihrer Zukunft berauben. Die Sternenflotte erlaubt deshalb sogar die Aufhebung ihrer wichtigsten Nichteinmischungsregel. Das erscheint vernünftig, solange wir die Perspektive der Föderation einnehmen. Die betroffene Spezies forscht jedoch an Omega, weil ihre eigene Welt ausgebeutet wurde und sie einen Ausweg sucht. Aus ihrer Sicht kommt eine fremde Macht, erklärt die eigene Technologie für zu gefährlich und vernichtet eine Hoffnung, die sie selbst für notwendig hält.
Das ethische Problem besteht also nicht nur darin, welche Entscheidung richtig ist. Es geht ebenso darum, wer überhaupt die Macht besitzt, sie für andere zu treffen. Verantwortung und Bevormundung liegen manchmal unangenehm nah beieinander. Eine Zivilisation kann aus ehrlicher Sorge handeln und trotzdem imperial auftreten, wenn sie das eigene Wissen automatisch über die Selbstbestimmung anderer stellt.
Damit sind wir beim Moralrelativismus angekommen. Moralische Normen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind von Kultur, Geschichte, Religion, sozialen Strukturen und Erfahrungen geprägt. Star Trek geht meistens, wie bereits erwähnt, von einem humanistischen Wertekatalog aus, in dem Freiheit, Gleichheit, Würde, Gerechtigkeit und Respekt einen hohen Rang besitzen. Daran ist wenig auszusetzen. Problematisch wird es erst, wenn aus dem eigenen Ideal die Gewissheit entsteht, dass jede andere Kultur zwangsläufig nach denselben Maßstäben bewertet werden muss.
Werfen wir zum näheren Verständnis einen Blick auf die Hirogen. Ihre Identität kreist um die Jagd, die für sie weit mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung ist. Sie ist Kultur, Identitätsmerkmal und sogar sinnstiftend. Janeway verweigert ihnen in „Die Beute“ den Gefangenen aus Spezies 8472, weil sie dessen Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit höher bewertet. Aus unserer Perspektive liegt die Kapitänin damit vielleicht sympathisch richtig. Aus Sicht der Hirogen missachtet sie aber eine zentrale Tradition und greift in eine fremde Kultur ein. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass kulturelle Eigenheiten Folter oder Mord automatisch legitimieren. Ein konsequenter Moralrelativismus kann selbst zur Falle werden, wenn er jedes Urteil mit dem Hinweis auf Andersartigkeit verbietet. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, universelle Grenzen zu begründen, ohne die eigene Kultur zum naturgegebenen Zentrum des Universums zu erklären.
E. Leigh McKagen liest Teile von Star Trek: Voyager deshalb als Fortschreibung imperialer Narrative. Man muss dieser Interpretation nicht in jedem Punkt folgen, aber sie berührt eine echte Schwachstelle der Föderation. Ihre Vertreter reisen mit guten Absichten durch die Galaxis und sind doch nicht frei von der Annahme, gesellschaftlich weiterentwickelt zu sein als Kazon, Hirogen oder andere Kulturen. Die Oberste Direktive versucht genau dieses Machtgefälle zu bändigen, kann die dahinterliegende Haltung aber nicht vollständig beseitigen.
Die Cardassianer zeigen in Deep Space Nine wiederum die entgegengesetzte Gefahr. Ressourcenknappheit, Hunger und gesellschaftlicher Zerfall erklären den Aufstieg ihres Militarismus, entschuldigen ihn aber nicht. Eine Gesellschaft entscheidet sich dafür, Expansion, Besatzung und Ausbeutung als Lösung zu akzeptieren. Aus dem Verweis auf die eigene Not entsteht das Recht, anderen ihre Freiheit zu nehmen. Moralrelativismus kippt hier in eine Rechtfertigungsmaschine. Wer Würde nur für die eigene Gruppe anerkennt, hat den Schritt zur Entmenschlichung bereits vorbereitet.

Wenn Moral nur noch nützlich sein soll
Noch radikaler wird es, wenn moralische Regeln gar keinen eigenen bindenden Wert mehr besitzen, denn dann werden sie nicht mehr gegeneinander abgewogen, sondern nur noch benutzt, solange sie dem eigenen Zweck dienen. An diesem Punkt kann sich eine ethische Disziplin namens „moralischer Nihilismus“ in den Ring werfen, wobei nicht jede grausame Handlung gleich automatisch nihilistisch ist. Entscheidend ist vielmehr, ob Moral überhaupt noch als Grenze anerkannt wird oder nur als Vokabular ge(ver)braucht wird, mit dem sich Macht legitimieren lässt.
Sektion 31 kommt diesem Zustand erschreckend nahe. Sloan spricht von Freiheit, Sicherheit und dem Fortbestand der Föderation, akzeptiert aber Täuschung, Folter, Erpressung, Mord und schließlich sogar den geplanten Genozid an den Gründern. Das geschieht nicht als einmalige Verzweiflungstat. Es ist Methode. Die Organisation schützt die Werte der Föderation, indem sie ihnen keinen verbindlichen Wert zugesteht. Was übrig bleibt, ist eine moralische Hülle, die nach außen erklärt, wofür man angeblich kämpft, während im Inneren praktisch jedes Mittel verfügbar bleibt.
Besonders bitter wird diese Entwicklung dadurch, dass die offizielle Föderation vom Genozidplan profitiert. Odo erkennt sehr genau, wie wenig die Distanzierung von Sektion 31 wert ist, wenn ihre Ergebnisse willkommen sind. Wer eine verbrecherische Methode verurteilt, ihren Erfolg aber bereitwillig nutzt, verschiebt die moralische Verantwortung lediglich auf andere. Deep Space Nine stellt die Föderation damit vor eine unangenehme Frage: Kann eine Gesellschaft ihre Prinzipien bewahren, wenn sie für das schmutzige Geschäft Institutionen duldet, deren Existenz offiziell bestritten oder missbilligt wird?
Auf persönlicher Ebene lässt sich Gul Dukat, nebenbei erwähnt, ähnlich betrachten. Er ist intelligent, charismatisch und geradezu virtuos darin, für jede Grausamkeit eine neue Rechtfertigung zu finden. Mal will er die Bajoraner angeblich geschützt haben, mal war er nur ein Rädchen im cardassianischen System, mal ist er selbst Opfer und später beruft er sich auf ein vermeintlich vorherbestimmtes Schicksal. Konstant bleibt dabei nicht seine Moral, sondern sein Bedürfnis nach Macht und Anerkennung. Die jeweilige moralische Erzählung wird darum herumgebaut. Wer jede Tat nachträglich so umdeuten kann, dass er selbst im Recht bleibt, kennt irgendwann keine wirkliche Grenze mehr.
Dukats späterer Fatalismus verschärft das noch. Wenn das Schicksal ohnehin feststeht, verliert persönliche Verantwortung ihren Sinn. Warum sollte jemand für Entscheidungen haften, die angeblich unvermeidlich waren? Moralischer Nihilismus und die Flucht vor Verantwortung berühren sich hier. Die Moral wird nicht offen abgeschafft, sondern so lange relativiert, instrumentalisiert und metaphysisch umgedeutet, bis sie nichts mehr fordert.

Die Utopie als Arbeit, nicht als Endzustand
Deep Space Nine hat Roddenberrys Zukunftsbild aber nicht zerstört, sondern einem Belastungstest unterzogen, wie Sebastian Stoppe nicht zu Unrecht argumentiert. Der Dominionkrieg macht sichtbar, wie leicht die Föderation ihre eigenen Ideale unter dem Druck existenzieller Angst beschädigen kann. Rechtsstaatlichkeit wirkt plötzlich umständlich, Menschenrechte erscheinen militärisch hinderlich, Geheimdienste werden nützlich und selbst Völkermord kann als strategische Option diskutiert werden. Gerade deshalb ist die Serie keineswegs nihilistisch. Sie zeigt ebenso Figuren, die widersprechen, Grenzen verteidigen, Schuld anerkennen oder ihre Haltung korrigieren.
Bashir bekämpft Sektion 31 nicht, weil er an eine perfekte Föderation glaubt, sondern weil er weiß, dass ihre Unvollkommenheit keine Entschuldigung für Beliebigkeit sein darf. Odo stellt sich gegen den Genozid an den Gründern, obwohl er selbst unter ihnen gelitten hat. Sisko wiederum bleibt nach „Im fahlen Mondlicht“ kein strahlender Held, der seine Entscheidung einfach als notwendig abhakt. Die Episode funktioniert, weil er die moralische Beschädigung erkennt und trotzdem zu dem Schluss kommt, mit ihr leben zu müssen. Ob wir ihm diese Rechtfertigung abnehmen, überlässt uns die Serie.
Auch Janeway ist für unsere Betrachtung gerade deshalb interessant, weil sie widersprüchlich ist. Sie hält einerseits an Sternenflottenprinzipien fest, obwohl kein Admiral sie kontrollieren kann, biegt diese Prinzipien aber ebenso, wenn die Lage es ihrer Ansicht nach verlangt. Damit wird Moral zu einer Frage der Identität. Eine Regel einzuhalten, weil ein Gericht Verstöße bestraft, ist etwas anderes, als sie einzuhalten, wenn niemand zusieht. Auf der Voyager entscheidet Janeway immer wieder neu, welche Art von Gemeinschaft sie fern jeder institutionellen Kontrolle erhalten will.
Moral? Für wen überhaupt?
Widmen wir uns abschließend der Frage, für wen unsere moralischen Regeln in Star Trek, aber auch generell, eigentlich gelten. Die Star Trek: The Next Generation-Folge „Wem gehört Data?“ ist deshalb weit mehr als eine Gerichtsfolge über einen Androiden. Captain Picard muss nicht beweisen, dass Data ein Mensch ist. Im Gegensatz zu Captain Janeway muss er zeigen, dass Menschsein gar nicht der entscheidende Maßstab sein darf. Data denkt, lernt, entwickelt Beziehungen, trifft Entscheidungen und besitzt ein Selbstverständnis. Wenn Würde, Freiheit und körperliche Unversehrtheit tatsächlich universelle Werte sein sollen, können sie kaum an biologisches Menschsein gebunden bleiben. (vgl. hierzu unseren Artikel „Gedanken zum 60. Geburtstag von Star Trek – wie universalistisch ist Star Trek?“)
Das ist der Punkt, an dem Posthumanismus für das Star-Trek-Universum besonders interessant wird. Schauen wir uns das einmal näher an. Der Doktor beginnt in Star Trek: Voyager als medizinisches Notfallhologramm und entwickelt nach und nach Persönlichkeit, Vorlieben, Beziehungen und einen eigenen Willen. Seven wiederum ist biologischer Mensch, aber durch Technik, Borg-Kultur und ihre lange Sozialisation im Kollektiv geprägt. Beide Figuren unterlaufen die einfache Trennung zwischen Mensch und Maschine. Was muss ein Wesen besitzen, damit wir es als Person anerkennen? Bewusstsein? Vernunft? Leidensfähigkeit? Erinnerung? Autonomie? Schon die Tatsache, dass Star Trek diese Fragen seit Jahrzehnten stellt, macht deutlich, wie eng Science-Fiction und Ethik miteinander verbunden sein können.
Auch das Star Trek unter AlexKurtzman greift diese Gedanken unter anderem in Star Trek: Picard erneut auf, wenn die Behandlung synthetischer Lebensformen mit der Verweigerung von Personenstatus verbunden wird. Wer ein empfindungsfähiges Wesen zum Eigentum erklärt, muss begründen, warum dessen Interessen weniger zählen sollen als die Interessen biologischer Wesen. Damit berühren wir die recht komplexe Disziplin des Speziesismus. Darf moralische Abwertung allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art oder Kategorie stattfinden? Und wann wird aus „etwas“ „jemand“? Der Philosoph Stefan Lorenz Sorgner weist im Zusammenhang mit Data und künstlicher Intelligenz darauf hin, dass unsere überlieferten Vorstellungen von Person, Körper und Bewusstsein aufgebrochen werden müssen, sobald Androiden, Cyborgs oder andere künstliche Entitäten Eigenschaften entwickeln, die wir bisher als den Menschen vorbehalten betrachtet haben.
Was dahintersteht, ist übrigens schon längst nicht mehr nur reine Science-Fiction, sondern ein unter Umständen absehbares Szenario. Denn sollte künstliche Intelligenz irgendwann tatsächlich Bewusstsein und Leidensfähigkeit entwickeln, könnten wir entsprechende Entitäten nicht mehr wie selbstverständlich als bloße Werkzeuge betrachten. Data und der Doktor fungieren daher nicht nur als technologisches Gimmick in einer Science-Fiction-Fernsehserie, sondern vielmehr als Gedankenexperimente, die uns über die Grenzen unserer anthropozentrisch formulierten Moral hinausführen. Beide Figuren zwingen uns bei näherer Betrachtung geradezu dazu, Kriterien schon dann zu formulieren, bevor wir wissen, ob wir sie irgendwann tatsächlich benötigen.
Verantwortung endet nicht an der eigenen Spezies
Der Kreis moralischer Verantwortung lässt sich allerdings noch weiterziehen, denn wir müssen uns fragen, ob der Personenstatus nur Menschen und ggf. künstlichen Intelligenzen oder unter gewissen Umständen nicht auch Tieren zustehen könnte. In „Verwerfliche Experimente“ wird die Voyager-Besatzung heimlich für medizinische Versuche missbraucht. Die Fremden verursachen Schmerzen, Krankheiten und Todesgefahr, weil die gewonnenen Daten ihrer eigenen Spezies helfen sollen. Aus Sicht der Täter scheint die Sache also eindeutig.
Interessanter wird es, wenn man die Versuchsanordnung aus dem Science-Fiction-Rahmen löst. Menschen nutzen noch heute Tiere für medizinische Forschung, Kosmetik und andere Zwecke und rechtfertigen dies häufig ebenfalls mit einem größeren Nutzen für die Menschheit. So betrachtet wirkt das Verhalten der Fremden allerdings plötzlich weniger exotisch, als uns lieb sein kann.
Ein physiozentrischer Ansatz verschiebt die Perspektive nämlich. Natur und damit tierisches, aber auch pflanzliches Leben sind diesem Gedankengebäude nicht nur nutzbare Ressourcen, sie verfügen darüber hinaus über einen eigenen moralischen Wert. Nun vertritt Star Trek keinen konsequenten Physiozentrismus, aber das Franchise erweitert den moralischen Horizont doch ständig über den Menschen hinaus.
Ein Wort zum Schluss
Natürlich kratzen wir mit unserem kleinen Essay gerade einmal an der Oberfläche, wenn wir das Thema Ethik in Star Trek ernsthaft diskutieren wollen. Ein wesentlicher Punkt unserer Ausführungen ist aber hoffentlich klar geworden. Die oder eine Zukunft wird nicht deshalb besser, weil dort vermeintlich perfekte Individuen leben. Sie wird besser, weil sich eine Gesellschaft auf Werte verständigt hat, an denen ihre Mitglieder sich messen lassen müssen. Sie können scheitern, arrogant werden, zweifelhafte Entscheidungen treffen oder sich selbst belügen. Entscheidend ist aber, dass es am Ende Freiheit, Gleichheit, Würde, Respekt und das allgemeine Recht auf Existenz sind, die sie zusammenhalten.
Eine vollkommen moralische Gesellschaft wäre ohnehin ein im wahrsten Sinne des Wortes utopisches Ziel. Star Trek ist also seit Jahrzehnten auch deshalb ein philosophischer Diskursraum, weil es seine Ideale immer wieder gegen die Wirklichkeit antreten lässt. Sisko und Bashir, Janeway und Seven, Data und der Doktor, Odo, Sloan oder Dukat stehen dabei nicht einfach für richtige oder falsche Positionen. Sie führen uns vor Augen, dass Moral letztlich abstrakt ist und erst dann einen Sinn bekommt, wenn durch sie ein gemeinschaftlich friedvolles Leben möglich wird.
Das Wohl vieler kann eine vernünftige Orientierung sein und zugleich zur Rechtfertigung von Grausamkeit werden. Pflichtethik schützt den Einzelnen, kann aber in Extremsituationen erschreckend unflexibel wirken. Ein moralischer Kompass hilft nur, wenn wir bereit sind, ihn selbst zu überprüfen. Toleranz darf nicht in Gleichgültigkeit gegenüber Unterdrückung umschlagen, Universalismus nicht in Überheblichkeit und Verantwortung nicht in Bevormundung. Selbst die besten Werte schützen sich eben nicht von allein.
Wir sind es, die sie schützen müssen. Fortschritt besteht nicht einfach darin, irgendwann jede moralische Frage gelöst zu haben, sondern darin, die eigenen Antworten immer wieder zu prüfen, Macht zu begrenzen und auch dann an der Würde anderer festzuhalten, wenn es uns etwas kostet. Last but not least erwächst eine bessere Zukunft nicht aus angeblich fehlerfreien Menschen, sondern aus der steten Weigerung, aus mangelnder Selbstkritik heraus begangene Fehler zum moralischen Maßstab zu erklären.
Verwendete Sach- und Fachliteratur (Auswahl)
Bauer, Michael C. (Hrsg.) (2019): Star Trek als humanistische Utopie?, Springer Verlag, Heidelberg.
Büttner, Christian (2016): Deep Space Nine als soziopolitische Fiktion und unvollendetes Projekt, in: Augenblick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft, Ausg. 77, Schüren Verlag, Marburg.
Eberl, Jason T.; Decker, Kevin S. (Hrsg.) (2008): Star Trek and Philosophy – The Wrath of Kant, Open Court, Chicago/La Salle, Illinois.
Hobbes, Thomas (2024): Leviathan. Band 1–4: Politische Philosophie über Staat und Macht, Neu übersetzt Verlag.
Irwin, William; Decker, Kevin S.; Eberl, Jason T. (Hrsg.) (2016): The Ultimate Star Trek and Philosophy. The Search for Socrates, Wiley-Blackwell, New Jersey.
Kant, Immanuel (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, verwendete Kindleausgabe.
König, Siegfried (2021): Philosophische Ethik. Einführung und Überblick, Selbstverlag.
Littmann, Greg (2016): The Needs of the Many Outweigh the Needs of the Few: Utilitarianism and Star Trek, in: The Ultimate Star Trek and Philosophy, S. 127–137, Wiley, Hoboken, NJ.
McKagen, Elizabeth Leigh (2020): Visions of Possibilities: (De)Constructing Imperial Narratives in Star Trek: Voyager, Dissertation, Virginia Tech.
Rauscher, Andreas (2003): Das Phänomen Star Trek – Virtuelle Räume und metaphorische Weiten, Ventil Verlag, Mainz.
Sloterdijk, Peter (2011): Schicksalsfragen. Ein Roman vom Denken, in: Schicksal. Sieben mal sieben unhintergehbare Dinge, Marbacher Magazin, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach.
Sorgner, Stefan Lorenz (2019): Android Data – Eigentum oder Träger von Rechten, in: Neue Welten. Star Trek als humanistische Utopie?, S. 227–256, Springer-Verlag, Heidelberg.
Sorgner, Stefan Lorenz (2024): Ethics of Generative AI, Digital Data, and Superintelligence, in: Perspectives on Visual Learning, Vol. 6: Envisioning an Electrifying Future, Hungarian Academy of Sciences/University of Pécs, Budapest.
Stoppe, Sebastian (2011): Ein transhumanistischer Leviathan? Die Borg als emotionslose Dystopie in Star Trek, in: Arbeitstitel – Forum für Leipziger Promovierende, Bd. 3, Heft 2, S. 69–82.
Stoppe, Sebastian (2014): Unterwegs zu neuen Welten. Star Trek als politische Utopie, Büchner Verlag, Darmstadt.
Vieweg, Klaus; Vieweg, Olivia (2016): Entschuldigung ... Wozu braucht Gott ein Raumschiff? Die Philosophie in Star Trek, Cross Cult, Ludwigsburg.
Wagnsonner, Christian (2011): Widerstand ist zwecklos. Militär und militärische Ethik in Star Trek, Bundesministerium für Landesverteidigung, Österreich.
Weiss, Dennis M. (2016): Humans, Androids, Cyborgs, and Virtual Beings: All aboard the Enterprise, in: The Ultimate Star Trek and Philosophy. The Search for Socrates, S. 180–189, Wiley, UK.
Wangler, Julian (2022): Star Trek: Deep Space Nine – Welt zwischen Politik, Glaube und Hoffnung, Books on Demand, Norderstedt.