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Gedanken zum 60. Geburtstag von Star Trek – wie universalistisch ist Star Trek?

Von Reinhard Prahl

Am 8. September 2026 war es so weit. Star Trek feierte Geburtstag, und das zum 60. Mal. Paramount/Skydance beging diesen Ehrentag in Deutschland mit einer wundervollen Veranstaltung im Movie Park Germany in Bottrop. Der WDR erfreut seine Zuhörerinnen und Zuhörer indessen mit einer mehrteiligen Reihe, zu der auch der Autor dieses Essays eingeladen wurde. (https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-jahre-star-trek-die-enterprise-und-die-politik-100.html)

Was aber bei all der Freude über das Jubiläum vielleicht ein wenig zu kurz kommt, ist der Mut, sich die Frage zu stellen, ob Star Trek seinen eigenen hohen Ansprüchen in den vergangenen 60 Jahren immer gerecht werden konnte. Deshalb stellen wir uns zum Geburtstag eines der spannendsten Franchises der Fernsehgeschichte die Frage: Wie universalistisch ist Star Trek.

Was ist Universalismus – ein kurzer Überblick 

Wenn wir uns der Frage nähern möchten, wie universalistisch Star Trek ist, müssen wir uns auch mit der Frage beschäftigen, was Universalismus eigentlich ist und was damit gemeint ist. Auf den Kern heruntergebrochen geht der Universalismus davon aus, dass bestimmte moralische Prinzipien unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, sozialem Status oder Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen für alle Menschen gelten müssen.

Die Idee klingt zunächst so selbstverständlich, dass man sich fragen könnte, warum Philosophen seit Jahrhunderten darüber streiten. Der Teufel steckt jedoch wie so oft im Detail. Denn sobald wir von universellen Werten sprechen, müssen wir klären, wer diese Werte definiert und mit welchem moralischen Recht sie allgemeine Gültigkeit beanspruchen dürfen.

Als vielleicht wichtigster Mitbegründer dieses Gedankens gilt zweifelsfrei Immanuel Kant. Sein kategorischer Imperativ fordert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Moralisches Handeln hängt also nach Kant nicht davon ab, ob eine Entscheidung bequem ist oder der Mehrheit nutzt. 

Sie muss vielmehr so beschaffen sein, dass ihre zugrunde liegende Regel grundsätzlich für jeden gelten könnte. Genau hier kollidieren Star Trek und Kant aber bereits, zumindest sobald wir ihn auf den viel zitierten vulkanischen Grundsatz, das Wohl Vieler wiege schwerer als das Wohl Weniger oder eines Einzelnen anwenden. Denn die Vulkanier sind ihrer eigenen Philosophie entsprechend sehr wohl bereit, Mitglieder ihrer Gesellschaft in gewissen Situationen zu opfern, eine Handlungsweise, die dem Universalismus konträr gegenübersteht.

 

Der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm formuliert diesen Gedanken in seinem Buch Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität in aller Deutlichkeit. Für ihn darf die Würde eines Menschen nicht von seiner Identität, gesellschaftlichen Funktion oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft abhängen. 

Dabei knüpft Boehm ausdrücklich an Kant an und erkennt in der Freiheit des Menschen den Grund einer Würde, die sich eben nicht auf biologische oder soziale Eigenschaften reduzieren lässt. 

Martin Luther Kings berühmter Satz „Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall“ beschreibt die emotionale Seite desselben Gedankens: Es gibt keine moralisch legitime Form der Gleichheit, die nur für einige gilt. 

Universalismus bedeutet damit aber keineswegs, dass alle Menschen gleich denken, leben oder glauben müssen. Im Gegenteil. Das universelle Recht auf Würde und Selbstbestimmung setzt voraus, Verschiedenheit auszuhalten. Sobald eine Gesellschaft ihre kulturellen Werte nicht mehr als Angebot, sondern als Voraussetzung für die Anerkennung des anderen versteht, gerät sie in einen kaum lösbaren Konflikt. An dieser Stelle wird es interessant, denn Star Trek gelang es in den 60 Jahren seines Bestehens bei weitem nicht immer, dem eigenen universalistischen Anspruch gerecht zu werden.

Universalismus in Star Trek

Die Grundprinzipien der Föderation 

Gene Roddenberry entwarf die Zukunft der Menschheit aus einer unbestritten humanistischen Grundhaltung heraus. Rassismus, Armut, Hunger und zumindest auf der Erde auch das klassische kapitalistische Gewinnstreben, sollten überwunden sein. Menschen arbeiten nicht mehr in erster Linie, um Besitz anzuhäufen, sondern um sich selbst und die Gesellschaft weiterzuentwickeln. 

Bereits die Brücke der ersten Enterprise war als Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Realität der 1960er-Jahre gedacht. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe arbeiteten gemeinsam, Frauen waren Offiziere und mit Spock gehörte sogar ein Außerirdischer zur Führungsmannschaft. 

Die Föderation überträgt diesen Gedanken auf eine galaktische Ebene. Unterschiedliche Spezies schließen sich zu einem Staatenbund zusammen, der sie zumindest dem eigenen Anspruch nach nicht aufgrund biologischer oder kultureller Unterschiede bewertet. Die Sternenflotte forscht, knüpft Kontakte und soll Konflikte möglichst diplomatisch lösen. 

Die Oberste Direktive formuliert dazu ein bemerkenswertes Prinzip: Eine weiterentwickelte Gesellschaft darf sich nicht nach Belieben in die natürliche Entwicklung einer anderen einmischen. Dahinter steht die Anerkennung, dass eine fremde Kultur das Recht besitzt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Das gilt auch für die Idee, den Personenstatus nicht zwangsläufig an das biologische Menschsein zu knüpfen. In „Wem gehört Data?“ muss die Föderation entscheiden, ob ein künstliches Wesen Eigentum der Sternenflotte oder eine selbstbestimmte Person ist. Später verschärft Star Trek: Picard die Frage, indem Guinan die Reduktion empfindungsfähiger synthetischer Wesen auf Eigentum mit Sklaverei vergleicht. 

Allerdings ist schon die innere Ordnung der Föderation weniger eindeutig, als die formulierte Anspruchshaltung vermuten lässt. Es soll kein Geld mehr geben, gleichzeitig existieren Besitz, privilegierter Wohnraum und deutliche Hierarchien. Picard verfügt über ein riesiges Weingut, während sich junge Sternenflottenangehörige kleine Quartiere teilen. 

Wie Ressourcen tatsächlich verteilt werden, lässt das Franchise weitgehend offen. Die Föderation beseitigt materielle Not, aber daraus folgt noch keine vollständige Gleichheit. Vielleicht sollte man sie deshalb eher als universalistisches Projekt denn als vollendetes Utopia betrachten.

 

Die galaktischen Nachbarn 

Dieses Projekt existiert nicht im luftleeren Raum. Die Föderation ist von politischen Systemen umgeben, die vollkommen anders organisiert sind. Das Klingonische Reich verbindet Adelshäuser, einen Hohen Rat und eine stark militärisch geprägte Ehrenkultur. Das Romulanische Sternenimperium wird von Senat und Prätor geführt, während Geheimdienst und Militär erheblichen Einfluss besitzen. Die Cardassianische Union ist über weite Strecken militärisch-bürokratisch organisiert. 

Noch strenger hierarchisch funktioniert das Dominion. An seiner Spitze stehen die Gründer, unter ihnen die Vorta als administrative Elite und die genetisch zum Gehorsam konditionierten Jem’Hadar als militärischer Arm. Die Ferengi-Allianz organisiert ihr gesellschaftliches Leben dagegen vornehmlich über Handel, Besitz und Profit. Die Breen bleiben politisch wesentlich undurchsichtiger, treten aber als eigenständige Konföderation und militärischer Machtfaktor auf. 

Star Trek präsentiert also keine Galaxis, die auf ein gemeinsames politisches Ziel zuläuft. Unterschiedliche Vorstellungen von Staat, Freiheit, Eigentum und gesellschaftlicher Ordnung existieren gleichzeitig. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Föderation andere Modelle kennt, sondern wie sie mit ihnen umgeht.

Idealismus und politische Realitäten 

Expansionstendenzen der Föderation

Bei näherer Betrachtung bekommt der glänzende Lack der Utopie allerdings spätestens jetzt erste Kratzer. Die Föderation versteht sich als friedlicher Zusammenschluss, dehnt ihren Einflussbereich aber seit Jahrhunderten immer weiter aus. Bereits Kirk tritt nicht nur als Forscher, sondern regelmäßig als galaktischer Ordnungshüter auf. Er korrigiert Gesellschaften, setzt Regierungen außer Kraft oder entscheidet, welche kulturelle Entwicklung moralisch vertretbar ist. Die Oberste Direktive wird dabei erstaunlich flexibel ausgelegt. 

Jean-Luc Picard handelt reflektierter, landet aber im selben Dilemma. In „Das Gesetz der Edo“ soll Wesley Crusher nach den Regeln der dortigen Gesellschaft hingerichtet werden. Picard verhindert dies und stellt sein eigenes moralisches Urteil über das Rechtssystem der Gastgeber. Menschlich ist das nachvollziehbar. Universalistisch ist es komplizierter, denn kulturelle Selbstbestimmung gilt offenbar nur so lange, bis eine fremde Kultur eine Grenze überschreitet, die die Föderation selbst definiert. 

Hier hilft uns Slavoj Žižeks Kritik am westlich-liberalen Pluralismus zum besseren Verständnis weiter. Dieser sei häufig in Begriffen formuliert, „die insgeheim die Logik der westlichen Demokratie und Freiheit erzwingen, sodass der Beitritt zum liberalen Pluralismus effektiv auf eine Kapitulation vor westlichen Werten hinausläuft.“ Übertragen wir diesen Gedanken auf Star Trek, heißt das: Andere Kulturen dürfen anders sein – solange ihre Andersartigkeit mit den Grundüberzeugungen der Föderation vereinbar bleibt.

Ähnliches gilt für die Expansion. Kolonien entstehen, Grenzen verschieben sich und aus Interessenkonflikten werden Kriege. Nach der Entdeckung des bajoranischen Wurmlochs dringen Föderation und Bajoraner in den Gammaquadranten vor, forschen, handeln und besiedeln Welten, ohne die dortigen Machtstrukturen wirklich zu kennen. 

Aus Sicht des Dominion stellt dies eine Infiltration seines Einflussgebietes dar, die einer konsequenten Entgegenstellung bedarf. Der spätere Krieg lässt sich deshalb nicht allein mit der Aggressivität der Gründer erklären. Auch die offizielle Star Trek-Darstellung beschreibt ausdrücklich, dass das Dominion die Erforschung und Kolonisierung des Gammaquadranten durch Mächte des Alphaquadranten nicht nur als Problem betrachtete. Sie lehnte sie vielmehr ab und warnte die Föderation eindringlich vor dem weiteren Eindringen. 

Stellen wir den oben erwähnten Omri Boehm kritisch neben unsere Erkenntnisse, bedeutet Radikaler Universalismus explizit nicht, die eigenen Werte so lange auszuweiten, bis jeder sie übernommen hat. Die Föderation verwechselt jedoch bisweilen Universalismus mit Universalität. Weil sie Freiheit, Gleichheit und Demokratie für moralisch richtig hält, behandelt sie diese Ordnung als quasi natürlichen Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung. Aus dem universellen Recht auf Würde wird so ein politisches Modell mit universellem Anspruch.

Die Föderation ist damit zwar kein klassisches Kolonialreich. Mitgliedschaften erfolgen freiwillig und die Sternenflotte sucht regelmäßig nach friedlichen Lösungen. Politisch lässt sie sich aber durchaus auch als Mischung aus föderalem Staatenbund und Verteidigungsbündnis nach westlichem Vorbild lesen. Gerade deshalb ist die Ambivalenz interessant, denn Paternalismus beginnt auch dort, wo eine Gesellschaft zwar gute Absichten hegt, aber davon überzeugt ist, allein zu wissen, was für andere gut ist. 

 

Star Trek und die Gleichberechtigung

Weiten wir unsere bisherigen Gedanken auf das Thema Gleichberechtigung aus, besitzt Star Trek hier seine vielleicht größten Verdienste – und offenbart gleichzeitig einige seiner auffälligsten blinden Flecken. 

Roddenberrys Entscheidung, Uhura als schwarze Offizierin und Sulu als asiatischstämmigen Steuermann auf die Brücke zu setzen, war für das amerikanische Fernsehen der 1960er-Jahre keineswegs belanglos. Die Botschaft war eindeutig: Herkunft und Hautfarbe sollten in dieser Zukunft keine Rolle mehr spielen.

Doch Gleichberechtigung auf dem Papier ist noch kein vollständiger Universalismus. Das zeigt sich besonders beim Umgang mit Queerness. Über Jahrzehnte blieb sie in Star Trek weitgehend in Analogien, Alienkulturen und Andeutungen verborgen. 

Deep Space Nine wagte mit „Wiedervereinigt“ zwar den berühmten Kuss zwischen Jadzia Dax und Lenara Kahn, konnte sich aber weiterhin hinter der Besonderheit der Trill verstecken. Ira Steven Behr bedauerte später selbst, queere Themen nicht entschlossener behandelt zu haben. 

Liz Fairchild trifft den wunden Punkt, wenn sie in einem hochinteressanten Essay Star Trek zwar den Versuch einer inklusiven Utopie zugesteht, zugleich aber kritisiert, Queerness häufig als zu tolerierendes „Anderes“ zu behandeln. Genau hier liegt indes der Unterschied zwischen Toleranz und Universalismus. Wer jemanden toleriert, markiert ihn aber bisweilen dennoch als Abweichung von der Norm. Im Universalismus gibt es aber dieses „Andere“ außerhalb der Norm nicht.

Dasselbe gilt übrigens für künstliche Lebensformen. Data muss seinen Personenstatus erst vor Gericht verteidigen, und später können synthetische Wesen sogar als Arbeitskräfte konstruiert und faktisch entrechtet werden. 

Der Humanismus des Franchise bleibt damit gelegentlich erstaunlich anthropozentrisch. Die Frage lautet nämlich nicht, ob eine Maschine menschlich genug ist, sondern mit welchem moralischen Recht Menschen über den Personenstatus anderer – auch künstlicher – Lebensformen entscheiden. 

Bringen wir diesen Gedankengang mit der exponentiellen Entwicklung künstlicher Intelligenz in Einklang, wird die Berechtigung der oben genannten Fragestellung noch deutlicher. Obwohl alle künstlichen Intelligenzen bisher schwache K.I.s sind, können wir nicht sicher sein, ob starke K.I.s nicht bereits in der greifbaren Nähe der kommenden Jahrzehnte liegen.

Sind wir aber erst einmal so weit, ist der Weg zur Entstehung komplexer Bewusstseinsformen mit einem ausgeprägten Selbstbild und der Fähigkeit zur Selbstreflexion über die eigene Existenz sehr wohl geebnet. Damit stellt sich auch die Frage nach dem Status einer solchen Lebensform.

Star Treks Umgang mit Religion

Beim Thema Religion gerät das Franchise in eine fast noch bemerkenswertere Spannung. Roddenberrys Zukunft ist deutlich säkular und humanistisch geprägt. Fundamentalismus gilt als überwunden, und Geschichten wie „Der Gott der Mintakaner“ verwenden das Narrativ von Religion als kulturellen Rückschritt.

In der Geschichte hält eine technologisch unterlegene Kultur Picard aufgrund eines Missverständnisses für eine göttliche Gestalt, woraufhin die Enterprise alles daransetzt, den entstandenen Glauben wieder zu zerstören. 

Das Problem liegt in der Folge nicht in der Kritik am Fundamentalismus selbst. Problematisch wird es dort, wo Religion und Fundamentalismus praktisch gleichgesetzt werden. Martin Luther King war Baptistenpastor und leitete aus seinem Glauben gerade keinen Hass, sondern die universelle Verpflichtung zur Gerechtigkeit ab. 

Vernunft, Humanismus und Religion schließen sich nach ihm und nach Boehm nicht zwangsläufig aus. Die Vorstellung, religiöser Glaube müsse durch wissenschaftlichen Fortschritt irgendwann einfach verschwinden, greift daher gerade auch deshalb schon zu kurz, weil wir Menschen so gestrickt sind, nach Orientierung zu suchen. Dass viele Individuen ihn auf der emotional-spirituellen und damit der Glaubensebene suchen, ist legitim, solange wir den universalistischen Prinzipien treu bleiben.

Aus universalistischer Perspektive ist genau das entscheidend. Religionsfreiheit kann nicht bedeuten, Religion nur so lange zu dulden, bis sie irgendwann verschwindet. Sie verlangt, religiösen Menschen denselben moralischen Status wie Atheisten zuzugestehen, solange beide die Rechte des anderen anerkennen. Auch hier ist Star Trek ein Work in Progress: aufgeklärt, gelegentlich paternalistisch und dann am stärksten, wenn es die eigene Gewissheit infrage stellt.

Schlusswort: Ist Star Trek: Discovery die universalistischste Star Trek-Serie?

Nach all diesen Einwänden könnte man meinen, Star Trek sei an seinem eigenen Ideal gescheitert. Doch das trifft nicht den Kern unserer Betrachtungen. Utopien sind keine Bauanleitungen. Sie schaffen einen Gedankenraum, in dem wir Gegenwart mit einer möglichen Zukunft vergleichen können. Gerade die Widersprüche der Föderation machen diesen Raum interessant.

Vielleicht führt uns ausgerechnet Star Trek: Discovery näher an den universalistischen Kern des Franchise als jede Vorgängerserie. Keine andere Reihe rückt Gleichberechtigung so selbstverständlich ins Zentrum. Eine schwarze Frau steht als Hauptfigur im Mittelpunkt, ein homosexuelles Paar wird nicht als Besonderheit behandelt, sondern schlicht als Paar, und nichtbinäre sowie trans Figuren benötigen keine Alien-Metapher mehr, um existieren zu dürfen. 

Insofern rückt Discovery den Gedanken von Artikel 1 des Grundgesetzes – die Unantastbarkeit der Würde – stärker ins Zentrum als jede frühere Star Trek-Serie, erweitert ihn aber zugleich auf eine Zukunft, in der „Menschsein“ längst nicht mehr das alleinige Kriterium für Personenstatus sein kann. Die Serie etablierte mit Stamets und Culber ihr erstes reguläres homosexuelles Paar sowie später mit Adira und Gray die ersten nichtbinären beziehungsweise trans Figuren des Franchise. 

Hinzu kommt die Beharrlichkeit, mit der Discovery gerade später auf Verständigung setzt. Der große Konflikt der vierten Staffel entsteht mit einer Spezies, deren Handlungen zunächst wie ein vernichtender Angriff wirken. Die Lösung besteht nicht darin, den Gegner zu besiegen, sondern überhaupt erst eine gemeinsame Form der Kommunikation zu entwickeln. Schon zuvor drängt Burnham gegenüber Species 10-C ausdrücklich auf Diplomatie statt eines präventiven Angriffs. Der andere muss nicht erst so werden wie wir, damit ihm moralischer Status zugestanden wird.

 

Perfekt ist indes auch diese Variante nicht. Discovery erzählt ebenfalls von Krieg, Gewalt und Machtpolitik. Selbst Offenheit kann zur Selbstbestätigung werden, wenn aus „Alle sind gleichwertig“ unmerklich „Alle vernünftigen Wesen müssen unsere Vorstellung von Gleichwertigkeit teilen“ wird. Boehms Einwand bleibt also bestehen.

Trotzdem darf man die Frage, ob Star Trek: Discovery die universalistischste Serie des Franchise ist, durchaus mit einem vorsichtigen Ja beantworten. Wenn Universalismus bedeutet, Würde nicht von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Herkunft abhängig zu machen und dem Fremden zunächst mit Kommunikation statt Vernichtung zu begegnen, dann ist Discovery womöglich tatsächlich die universalistischste Serie bei Star Trek. Nicht weil sie das große Ideal erreicht hätte, sondern weil sie deutlicher als ihre Vorgänger zeigt, dass dieses Ideal niemals erreicht ist.

Vielleicht liegt darin nach 60 Jahren die eigentliche Stärke von Star Trek. Die Föderation ist keine perfekte Gesellschaft, sondern eine, die besser sein will. Sie scheitert, korrigiert sich und beginnt erneut. Für einen radikalen Universalisten wäre das vermutlich zu wenig. Für eine Fernsehutopie ist es möglicherweise genau der Grund, warum sie noch immer etwas zu sagen hat.

Literatur und Quellen

Boehm, Omri: Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Berlin: Propyläen 2022.

Büttner, Christoph: „Deep Space Nine als soziopolitische Fiktion und unabgeschlossenes Projekt“. In: AugenBlick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft, Nr. 67: 50 Jahre Star Trek. Marburg: Schüren 2016, S. 69–84.

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Fairchild, Liz: „Toward a Queer Utopia: Alien Alterity and Sexuality in The Orville“. In: Berry, Michael R.; Johnson, David Kyle (Hrsg.): Exploring The Orville: Essays on Seth MacFarlane’s Space Adventure. Jefferson, NC: McFarland 2021, S. 62–74.

Fern, Yvonne: Inside the Mind of Gene Roddenberry: The Creator of Star Trek. London: HarperCollins 1995.

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Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Riga: Johann Friedrich Hartknoch 1785.

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King, Martin Luther Jr.: Strength to Love. New York: Harper & Row 1963.

Prahl, Reinhard; Sülter, Björn; Walch, Thorsten: Die Star-Trek-Chronik – Teil 3: Star Trek: The Next Generation. Die ganze Geschichte über die Abenteuer von Captain Picard und seiner Crew. Osdorf: In Farbe und Bunt 2022.

Prahl, Reinhard; Sülter, Björn; Walch, Thorsten: Die Star-Trek-Chronik – Teil 5: Star Trek: Deep Space Nine. Die ganze Geschichte über die Abenteuer der Crew um Captain Sisko. Osdorf: In Farbe und Bunt 2024.

StarTrek.com Staff: „The Star Trek: Discovery Season Four Mid-Season Primer“. In: StarTrek.com, 4. Februar 2022, abgerufen am 11. September 2026.

Stobie, Jay: „Star Trek 101: The Dominion“. In: StarTrek.com, 3. Februar 2023, abgerufen am 11. September 2026.

Žižek, Slavoj: „Sagen, Schweigen und Zeigen – Wittgenstein und die ‚Cancel Culture‘“. Übersetzt von Kilian Thomas. In: Philosophie Magazin, 17. Oktober 2023.